Handwerk

Handweben Lienen Anja Handweberei

Die Kunst, Fäden zu einem Gewebe zu verweben, entstand in der frühesten Menschheitsgeschichte (ca. 4000 v. Chr.) aus dem Flechten– erfüllte sie doch eines der Grundbedürfnisse des Menschen nach Wärme. Webgeräte in den unterschiedlichsten Varianten entstanden seitdem. Fasziniert stehen Menschen heute davor und sehnen sich danach, wie ihre Vorfahren selbst mit den Händen zu tun. Bei aller Romantik ist uns dabei doch die Härte des webenden Arbeiters in der vorindustriellen Produktion u.a. durch die Weberaufstände bekannt. Ersetzt wurden die mechanischen Webstühle, wie sie auch in meinem Atelier stehen, durch technische Weiterentwicklungen bis hin zur elektrischen Webmaschine. Wie faszinierend ist es heute für uns Europäer, die selten Zeit für Langsamkeit haben, die archaisch anmutenden Webgeräte aus Kulturen Süd- und Mittelamerikas oder Afrikas in Betrieb zu erleben. Zeit bekommt am Webstuhl eine andere Dimension als sie uns geläufig ist. Langsamkeit will geübt sein! Wie sehr das Weberhandwerk auch in unsere Zeit hineinragt, ist an geläufigen Redewendungen („den Bogen raus haben“, „sich verzetteln“) zu erkennen. Aber auch die Bedeutung der Weberei wird in in Märchen und Legenden deutlich. Hier ist es oftmals eine Frau, die die Lebensfäden der Menschen verwebt, die Weberin der Zeit, die archaische Erdenmutter als Schicksalsführerin.

Was macht das Webhandwerk nun also aus? Vom Grundprinzip her werden erst einmal ein feststehendens, gespanntes Fadensystem (die Kette) mit einem solchem beweglichen (Schuß) miteinander verkreuzt – in der Regel dadurch, dass die Kettfäden durch partielles auf und ab ein Fach bilden, durch die der Schußfaden gelegt werden kann. An dieser Stelle begegnet mir sehr oft der Ausruf oder die Frage:“Aber das dauert doch bestimmt unheimlich lange“ - denn die Kettfäden, bei einem feinen Gewebe oftmals mehr als 18 Fäden pro Zentimeter (macht bei 160 cm Breite des Stoffes rund 2900 Einzelfäden), müssen, so ist schnell ersichtlich, einzeln durch kleine Ösen, die Litzen, gefädelt werden. Dies ist nur ein Teil des, in der Tat langwierigen, aber sehr meditativen Vorgangs des Webstuhl-Einrichtens. Steht er erst einmal fertig da, ist der Webprozess selbst eher eine Belohnung der vorangegangenen Mühen. Aber dann kann es laufen, rhythmisch, gleichmäßig, beruhigend –
Zurück zum „Was macht es aus?“ Langsamkeit, Geduld, Rhythmus, aber auch viel Berechnung, Mathematik, räumliches Vorstellungsvermögen, ein Gefühl für Materialien. Es beinhaltet für mich auch eine Zentrierung meiner Selbst auf das momentane Tun, Konzentration auf den Augenblick, Leichtigkeit.

Und Weben heute? Die Achtung vor der Hand-Arbeit, der individuellen Ausdrucksform, der Lust am Fühlen, Lernen, Tun, der Freude an dem Zusammengehörigkeitsgefühl und des sich als Ganzes fühlen können; entgegen der allgemeinen textilen Verarmung, Verbilligung, Beschleunigung, Uniformierung, Isolierung.

Wie lautete noch ein Motto eines Weberkongresses in Kukate: Billig kann ich mir nicht leisten!? Ich mir auch nicht, denn ich übernehme als Handweberin Verantwortung, in ökologischer, kultureller und sozialer Hinsicht.